Texte

Eigene Gefährdungen im Beruf erkennen

Der Ausgleich zur Arbeit muß fest installiert werden
(Beitrag für das Börsenblatt des deutschen Buchhandels im Oktober 2005)

Mit 34 Jahren stand ich am offenen Grab meines Kollegen Kristian Schlosser. Er war gerade 44 geworden und seit einem Jahr Cheflektor des Aufbau-Verlages. Eine Woche zuvor hatte er nach später Heimfahrt einen Herzinfarkt erlitten und war binnen weniger Stunden tot. Als ich ihm auf dem Waldfriedhof von Märkisch-Buchholz etwas Sand in die Grube nachwarf, schwor ich mir, mein Leben anders einzuteilen, es nicht von Arbeit und Überforderung auffressen zu lassen. Doch zehn Jahre später erlebte mein inzwischen selbst gegründeter Verlag den ersten Umsatzeinbruch, ich war meist bis spät am Abend im Büro und stürzte von dort viel zu selten in viel zu kurze Urlaube. Da kam mir ein Buchprojekt zu Hilfe. Der Hörfunkjournalist Rainer Schwochow bot uns ein Manuskript über "Workaholics" an, das ich unter der Bedingung annahm, dass ich selbst darin vorkäme. Er interviewte mich ausgiebig und nahm meine Geschichte unter Pseudonym mit auf. 1997 erschien dann das Buch. Die darin enthaltenen acht Seiten über meinen "Fall" haben mich in der kompensierten Form seines Textes derart erschreckt, dass ich beschloss, nun energischer dagegen zu steuern und die im Buch enthaltenen Ratschläge auch in die Tat umzusetzen, also fest installierte Regeln einzuführen, die ein Gegengewicht schaffen.
Es beginnt mit einer flexiblen Gestaltung des Arbeitsablaufes im Verlag. Während die beiden jungen Frauen mit Kindern bei uns um acht Uhr beginnen, um nachmittags früher gehen zu können, treffen wir anderen gegen neun Uhr ein. Besprechungen sind grundsätzlich erst ab zehn, so dass man ruhiger in den Tag hineinkommt. Dann gibt es von 13.00 bis 14.00 Uhr eine heilige einstündige Mittagspause, bei der einer von uns acht abwechselnd kocht. In der ersten halben Stunde, während des eigentlichen Essens, darf nicht über Arbeit gesprochen werden, in der zweiten halben Stunde, bei Kaffee und Dessert, wird dann in entspannter Atmosphäre über alle laufenden Dinge geredet. Auf diese Weise gibt es keine Informationsdefizite und Reibungen zwischen den Abteilungen, hier kann alles stressfrei erörtert werden. Abends bleibt dann jeder so lange, wie es das Tagesgeschäft erfordert, was oft über 18.00 Uhr hinausreicht, zumal bei mehr als 100 Veranstaltungen pro Jahr. Dafür kann jeder mal einen Tag zu Hause bleiben, wenn es privat etwas zu regeln gilt, das betrifft dann nicht den Urlaub. Zusammenhängender Urlaub von mindestens zwei Wochen gehört inzwischen auch zur Pflicht, denn einige von uns hatten die ihnen zustehenden 30 Tage gar nicht genutzt, wie ich dann am Jahresende feststellen musste.
Den privaten Lebensumständen der einzelnen Mitarbeiter versuchen wir mit größtmöglicher Flexibilität entgegenzukommen. Als im vergangenen Jahr unsere Lektoratsassistentin ein Jahr Elternzeit nahm und wir zur Vertretung ein Volontariat ausschrieben, fiel die Entscheidung unter 220 Bewerbern für eine junge Frau mit Kind, die an zwei Tagen eher ging, und an zwei Tagen, an denen ihr Mann "Kinderdienst" hatte, länger blieb. Es funktionierte hervorragend.
Das einzige was mir noch nicht gelungen ist, ist der tägliche Termin mit mir selbst, eine Stunde im Kalender, die keinem anderen gehört. Aber es muß ja auch noch Vorhaben fürs nächste Jahr geben.

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