Texte

Die Mauer in den Köpfen

Kulturelle Differenzen zwischen Deutschland (Ost) und Deutschland (West)
(Vortrag im Goethe-Institut Barcelona, 2002)

Auch gut zehn Jahre nach der Vereinigung der DDR mit der Bundesrepublik Deutschland ist eine kulturelle Differenz zwischen Ost und West klar erkennbar. Dies wird wohl noch für mindestens eine Generation so bleiben. Auf diese Unterschiede soll hier am Beispiel der Buchlandschaft eingegangen werden.
Das Leseverhalten fällt besonders auffällig auseinander, sowohl was die Titel angeht, als auch was die aufgewendete Zeit betrifft. Während 25% aller Westdeutschen (nach einer Studie der Stiftung Lesen) Mitte der 90er Jahre angaben, nie ein Buch in die Hand zu nehmen, waren dies in Ostdeutschland nur 8%. Unter den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen steht das Buchlesen in Ostdeutschland auf Platz 7, in Westdeutschland auf Platz 11. Der zeitliche Aufwand für die Lektüre von Zeitungen und Zeitschriften ist im Westen wesentlich größer, genauso wie für das Telefonieren.
Bei den bevorzugten Autoren klaffen die größten Unterschiede. Obwohl Heinz Konsalik inzwischen auch im Osten die Beliebtheitsskala anführen soll (so eine Wochenpost-Umfrage von 1995), dominieren DDR-Schriftsteller (Erwin Strittmatter, Stefan Heym, Christa Wolf, Christoph Hein) und Autoren der Weltliteratur (Thomas Mann, Ernest Hemingway und Leo Tolstoi). Als einziger Westdeutscher rangiert Günter Grass unter den ersten zehn, als einziger Amerikaner Stephen King.
Ähnliches läßt sich von den Bestsellerlisten Ost ablesen. Sie entstanden, da bis 1993 keine einzige ostdeutsche Buchhandlung in die Erhebungen der Zeitschriften "Spiegel", "Gong" und "Buchreport" einbezogen worden waren. Daher fehlten ostdeutsche Publikumserfolge wie Strittmatters Buch "Der Laden" mit über 70.000 verkauften Exemplaren auf diesen Listen völlig, wohingegen westdeutsche Titel mit gerade mal 20.000 verkauften Exemplaren vordere Plätze belegten. Zunächst von der Zeitschrift "Wochenpost" initiiert, wurde die Liste später von der PDS-nahen Tageszeitung "Neues Deutschland" und von der Monatszeitschrift "Das Magazin" weitergeführt, da die beliebte "Wochenpost" von ihrem neuen Münchener Eigentümer zu Weihnachten 1996 überraschend eingestellt wurde.

Beim Buchkaufverhalten gaben 1993 noch 75% der Ostdeutschen an, im letzten Jahr mindestens ein Buch gekauft zu haben, während es in Westdeutschland nur 55% waren. Der Nachholbedarf ließ aber mit sinkender Kaufkraft nach. 1995 waren es nur noch 59% der Ostdeutschen und weniger als 50% der Westdeutschen, die im Jahr mindestens ein Buch erwarben. 66% der Ostdeutschen gaben aber an, mindestens einmal in einer Buchhandlung gewesen zu sein.
Hauptinteressensgruppen sind im Osten Belletristik, Sachbuch, Reise, Hobby und Freizeit sowie Wissenschaften, im Westen dagegen vor allem Kinder- und Jugendbücher (gemäß den demographischen Verschiebungen), gefolgt von Belletristik (hier vor allem angelsächsische) und Sachbuch. Weit abgeschlagen ist das wissenschaftliche Fachbuch. Während 51% der Ostdeutschen von Büchern "lernen und profitieren" wollen, haben nur noch 36% der Westdeutschen diesen Anspruch.
Auch bei der Belletristik sind die Erwartungen unterschiedlich. Während Ostdeutsche Literatur häufig als Lebenshilfe verstehen und einen unmittelbaren Bezug zu ihren eigenen Erfahrungen suchen, zählt im Westen vor allem das Erschließen neuer Welten und der Unterhaltungswert.

Das Ausleihverhalten in Bibliotheken ist ähnlich verschieden, was nicht nur mit der geringeren Kaufkraft im Osten zu tun hat, sondern vor allem mit einer anderen kulturellen Prägung. Während 38% der Westdeutschen noch nie in einer Bibliothek waren (so die Stiftung Lesen), trifft dies nur auf 16% der Ostdeutschen zu. Die Zahl der Ausleihen ist im Osten seit 1990 um rund 60% angestiegen.

Um dieser erkennbaren kulturellen Differenz Rechnung zu tragen, wäre es angemessen gewesen, adäquate Ausdrucksmöglichkeiten im Osten zu erhalten. Doch die völlig inkompetente Politik der staatlichen Treuhandanstalt für die ehemaligen DDR-Betriebe führte beim Verkauf der ostdeutschen Verlage zu einem Niedergang der dortigen Verlagslandschaft. Von den 78 ehemaligen DDR-Verlagen sind über zwei Drittel an bundesdeutsche Verlage veräußert worden, wo sie sich zumeist als unbedeutende Imprint-Editionen oder reine Vertriebsbüros wiederfanden. Zwei branchenfremde Investoren (der Frankfurter Immobilienhändler Bernd F. Lunkewitz und der Industrielle Silvius Dornier) haben dagegen immerhin Holdings gegründet, die insgesamt acht Verlage aufgefangen haben, darunter die Traditionsunternehmen Aufbau, Rütten & Loening und Gustav Kiepenheuer einerseits sowie Edition Leipzig, Seemann-Kunstverlag, Urania, Henschel und Militärverlag/Brandenburgisches Verlagshaus andererseits. Lediglich vier Verlage konnten von den eigenen Mitarbeitern oder ostdeutschen Branchenkennern übernommen werden.
Neugegründete Verlage sind nach 1990 zunächst zwar wie Pilze aus dem Boden geschossen, doch die wenigsten haben es über regionale Aktivitäten hinaus geschafft. Zahlreiche mußten bereits wieder Konkurs anmelden, da das Eigenkapital nicht reichte. Erst 1995 ist es nach langen zähen Verhandlungen gelungen, Verlagsgründungen auch eine entsprechende Kreditabsicherung über die Deutsche Ausgleichsbank zu gewähren. Im Ergebnis dieses Prozesses existieren heute in Ostdeutschland zwar drei mal mehr Verlage als zu DDR-Zeiten (statt 78 gut 250), aber sie produzieren nur noch ein gutes Drittel der früheren Titel (rund 2.500 Neuerscheinungen pro Jahr statt ehemals 6.500). Sie bestreiten damit lediglich 3,5% der deutschen Buchproduktion (von über 70.000 Titeln insgesamt). Sie beschäftigen auch nur noch ein Drittel der früheren Mitarbeiter.
Die verbliebenen ostdeutschen Verlage beschäftigen sich auf unterschiedliche Weise mit der DDR-Geschichte und den ostdeutschen Prägungen in den Biographien. Während einige Verlage dabei eher verklärend-nostalgisch auf die DDR-Zeit zurückschauen, bemüht sich unser Verlag um eine kritische Auseinandersetzung, weshalb sich in unserem Programm neben Büchern über die Alltagsgeschichte auch Analysen zur Arbeit der Staatssicherheit und über die Geschichte der Berliner Mauer finden.

Solange die kulturelle Differenz in Deutschland ein Problem bleibt, wollen wir auch einen Teil unseres Programms für jene Autoren offenhalten, die sich diesen Widersprüchen stellen und produktiv daran reiben.

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