Texte

Vom Überleben der Kleinen in einem Markt der Großen

Zehn Jahre Ch. Links Verlag
(Beitrag für den Band "Über unsere Bücher läßt sich streiten", Berlin 1999)

Knapp ein Jahr nach unserer Gründung im Dezember 1989 fuhren wir auf die Frankfurter Messe, um unser Startprogramm zu präsentierten. Die Begrüßung dort war überaus freundlich, mitunter sogar beängstigend überschwenglich. Kein Wunder. Es war der 3. Oktober 1990. Der erste Messetag fiel auf den Tag der deutschen Einheit. Insofern lag es für die Medien nur nahe, einen der ersten neugegründeten Privatverlage des Ostens entsprechend herauszustellen. Zu unserer Verwunderung ging es dabei aber kaum um unsere Bücher, sondern eher um die Veränderungen der ostdeutschen Buchlandschaft an sich. Erst zwei Jahr später gestand mir ein Münchner Verleger, daß die Kollegen damals alle nicht viel von unseren gelben Bänden zur DDR-Geschichte gehalten hätten, zumindest nicht von ihrer Verkäuflichkeit. Zum Ende der 90er Messe hätten einige sogar gewettet, wie oft man den ach so gepriesenen kleinen Ostverlag wohl noch in Frankfurt sehen werde. Das optimistischste Gebot lag bei drei Jahren.

Zum zehnten Geburtstag läßt sich so eine Geschichte ohne Zweifel gut erzählen, schließlich konnten wir uns allen Unkenrufen zum Trotz bisher tapfer behaupten. Und doch steckte in der damaligen Reaktion der Kollegen weniger Überheblichkeit als geronnene Markterfahrung, was auch wir nach den ersten zwei Jahren unserer Existenz bitter zu spüren bekamen. Die Gründungsidee war zu diesem Zeitpunkt weitgehend abgearbeitet, viele weiße Flecken der DDR-Geschichte hatten inzwischen Zeichnung bekommen, die meisten Tabus der jüngsten Vergangenheit waren gebrochen. Nach der Anfangseuphorie im Westen ließ die Neugier über den dazugewonnenen Landesteil rapide nach, mit der Einführung des Solidarbeitrages und dem Ausbleiben des viel beschworenen Aufschwungs kippte die Stimmung sogar um. Das Thema Osten wurde zunehmend mit Unlust besetzt, unsere Umsätze gingen rapide zurück. Damit stand für uns die Frage: wie weiter? Sollten wir unser Programm reduzieren und uns auf einige wesentliche Titel zum Thema konzentrieren, so wie unsere Kollegen vom BasisDruck Verlag, oder sollten wir unser Heil in der Belletristik und in Satirebüchern suchen, wie die Mitstreiter vom Forum-Verlag in Leipzig.
Wir haben uns für einen Weg dazwischen entschieden. Am zeitgeschichtlichen Sachbuch wollten wir festhalten, aber Themen und Gestaltungsformen sollten künftig breiter werden. So entstanden zunächst eine kulturhistorische Reihe "Berliner Blicke", für die wir Heinz Knobloch als Herausgeber gewinnen konnten, und eine Serie mit Biographien und Lebenserinnerungen, gestaltet von Lothar Reher. Doch in beiden Bereichen hatten wir wenig Glück. Bei den Berlin- fehlte uns die genaue Marktkenntnis. Die kleinen aufwendig gestalteten Bücher eigneten sich nicht als repräsentative Geschenkbände und für den Touristenbedarf unterwegs waren sie zu umfangreich und teuer. Nach sieben verzweifelten Versuchen haben wir uns 1993 von den schönen Bänden wieder verabschieden müssen. Die Biographien hatten es am übervollen Markt noch schwerer, zumal uns die finanzielle Kraft fehlte, aufwendige Projekte vorzufinanzieren. So mußten wir manchen Anbieter zu größeren Häusern ziehen lassen und uns vom Traum einer neuen Reihe bereits nach dem zweiten Band verabschieden. Biographien erscheinen seitdem in Einzelbänden, ohne den Zwang einer Neuerscheinung pro Halbjahr.
Mehr Erfolg stellte sich dann bei zwei anderen Reihen ein. Die grünen Klappenbroschuren mit "Literarischer Publizistik", also Reportagen, Porträts, Interviews und Essays, boten einen idealen Rahmen, um Autoren wie beispielsweise Alexander Osang und Christoph Dieckmann mit ihren Texten zur Geltung kommen zu lassen. Unterschiedliche Formen subjektiver Reflexionen auf die gesellschaftlichen Veränderungen der Gegenwart waren hier deutlich besser aufgehoben als in den gelben Broschuren unserer Anfangsjahre, die sich vor allem durch historische Dokumentationen ausgezeichnet haben.
Als ausgesprochener Glücksgriff erwiesen sich schließlich die großformatigen Bild-Text-Bände zur Topographie deutscher Geschichte. Hier ging es vor allem um die baulichen Hinterlassenschaften aus der Zeit des Nationalsozialismus, womit auch eine generelle Ausweitung des Verlagsprogramms über die DDR-Zeit hinaus verbunden war. Die genau komponierten Bände, die vor allem durch ihr reichhaltiges seltenes Bildmaterial bestechen, haben sich in den letzten fünf Jahren zu einer Art Flaggschiff unseres Hauses entwickelt und tragen entscheidend zur wirtschaftlichen Stabilität bei, erreichen sie doch zumeist mehrere Nachauflagen. Die mühsame, oft mehrjährige Entwicklungsarbeit, die in jedem dieser Bände steckt, zahlt sich dann tatsächlich auch mal aus.
Der zwischenzeitliche Versuch dagegen, mit knappen Porträtbänden zu eigenwilligen Gestalten des Showgeschäfts eine populäre Reihe mit hohen Startauflagen zu schaffen, ist 1996 gründlich gescheitert. Die Buchhändler wollten uns diese "Schrägen Köpfe" einfach nicht abnehmen. "Was soll denn das bei Ihnen, Sie sind doch nicht Heyne oder Goldmann", war die häufig gehörte Reaktion. "Bleiben Sie mal bei dem, wovon Sie ´was verstehen!" hallte es uns nach. Gemeint waren solide recherchierte Sachbücher zur Zeitgeschichte, bis hin zu wissenschaftlichen Analysen.
1994 hatten wir die Reihe "Forschungen zur DDR-Gesellschaft" gestartet, um auch jene Arbeiten publizieren zu können, die an den Universitäten im Zuge des Booms zeithistorischer Forschung entstehen, sich aber nur an einen speziellen Leserkreis wenden, und daher über Fremdfinanzierungen in kleinen Auflagen erscheinen. Ähnlich ist es mit der 1995 begonnenen Reihe der Forschungsabteilung des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, in der inzwischen 18 Bände herausgekommen sind, wovon lediglich einer die Kostendeckung aus eigener Kraft erreichen konnte, Joachim Walthers Studie über den "Sicherungsbereich Literatur".

Unabhängig von der jeweiligen Reihenzuordnung sind zu allen Zeiten bei uns Bücher erschienen, die sich in aktuelle Auseinandersetzungen einmischen, über die sich im besten Sinne streiten läßt. Von Anfang an war es erklärtes Ziel des Verlages, gesellschaftliche Prozesse kritisch zu begleiten, Mythen zu hinterfragen und Fakten an die Stelle von Verklärungen zu setzen.
Den ersten heftigen Streit löste 1991 der Insider-Report "Wie frei ist die Waldorfschule?" aus, bei dem es zu tumultartigen Auseinandersetzungen während der Lesungen von Paul-Albert Wagemann kam, der aus seinen Erfahrungen als ehemaliger Waldorf-Lehrer berichtete. Eifrige Anthroposophen organisierten ganze Schulklassen, um mit ihnen Stimmung gegen das Buch zu machen. Doch der Titel blieb ungefährdet am Markt, erlebte bei uns zwei Auflagen und war dann noch im Taschenbuch bei Heyne erfolgreich.
Bei Martin Flugs 1992 erschienenem "Treuhand-Poker - Die Mechanismen des Ausverkaufs" blieb es nicht bei verbalen Attacken, sondern zog ein früherer Manager dieses "größten Konzerns der Welt" vor Gericht. Er war entlassen worden, da er einen der größten DDR-Betriebe weit unter Wert an seine frühere westdeutsche Firma verscherbelt hatte, worüber in den Medien vielfältig berichtet worden war. Ein entsprechendes Zitat in unserem Buch griff er Monate später juristisch an, da er sich inzwischen Rehabilitierungsschreiben von Frau Breuel und anderen besorgt hatte. Uns blieb nichts anderes übrig, als seinen Namen zu anonymisieren.
Wesentlich heftiger kam es, als 1993 "Der Sekten-Konzern" erschien, in dem sich Frank Nordhausen und Liane v. Billerbeck kritisch mit dem Vormarsch von Scientology auseinandersetzten. Im Büro erschienen nicht nur ungebetene Gäste, um lautstark auf uns einzureden, sondern am Verlagsauto wurden auch die Reifen durchstochen und die Autoren erhielten anonyme Morddrohungen. Anschließend setzte eine Prozeßflut ein, mit der wir nacheinander vor die Gerichte in Bonn, München, Köln und Berlin zitiert wurden. Mit den abwegigsten Vorwürfen sollte das Buch vom Markt geklagt werden, was aber stets verhindert werden konnte. Neben fünf Auflagen bei uns gab es Buchclubausgaben bei der Büchergilde und bei Bertelsmann sowie ein gut verkauftes Taschenbuch bei Droemer/Knaur. Die intensiven juristischen Auseinandersetzungen, die den Verlag fast ein halbes Jahr lahmlegten, hatten zumindest ein Gutes: Sie schärften den Blick für künftige Manuskripte. Dies kam unter anderem dem umfangreichen Handbuch "Psycho-Sekten" zugute, das die beiden Autoren 1997 vorlegten. Bei allen polemischen Einwendungen der kritisch durchleuchteten Gruppen kam es nur noch in einem Fall zu gerichtlichen Auseinandersetzungen. Und den konnten wir gewinnen.
Ohne einen Prozeß, dafür aber mit großer öffentlicher Debatte, verlief die Auseinandersetzung um Jakob Knabs Buch "Falsche Glorie - Das Traditionsverständnis der Bundeswehr". Darin fordert der Allgäuer Religionslehrer Knab unter anderem eine Umbenennung jener 30 Bundeswehrkasernen, die 1995 noch die Namen von hochrangigen Nazi-Offizieren trugen. Die zahlreichen Veranstaltungen zum Buch sowie die Aktionen von Bürgerinitiativen und SPD-Vertretern führten schließlich zu einem derartigen öffentlichen Druck, daß sich CDU-Verteidigungsminister Rühe gezwungen sah, zwei dieser Kasernen zum 40. Jahrestag der Bundeswehr umzubenennen.
Eine mittelbar politische Wirkung ging auch von der Dokumentation "Soldaten sind Mörder" aus. Sie erschien genau in jenem Moment, als die CDU/FDP-Koalition 1996 ein Gesetz in den Bundestag einbringen wollte, das Tucholskys radikal-pazifistischen Satz als Ehrverletzung unter Strafe stellen sollte, obwohl er sich seit Jahrhunderten so oder ähnlich in der Literatur finden läßt. Herausgeber Michael Hepp wurde schließlich zur Expertenanhörung vor den Rechtsausschuß des Bundestages geladen und veranlaßte danach, daß alle FDP-Abgeordneten ein kostenloses Leseexemplar für die Weihnachtsferien erhielten. 1997 wurde dann auf Vorstoß der FDP von der Gesetzesinitiative abgelassen.

Daß derartige Bücher sauber lektoriert und ordentlich ausgestattet stets zum rechten Termin erscheinen konnten - auch wenn die Autoren mitunter bis zur letzten Minute daran schrieben -, hat entscheidend damit zu tun, daß alle Kollegen im Verlag mit den Titeln inhaltlich verbunden sind. So wie an der Programmdebatte alle beteiligt sind, so stehen dann auch in den letzten Nächten vor Drucklegung mehrere für die Einarbeitung von Umbruchkorrekturen oder die Erstellung der Register zur Verfügung. In einem kleinen Haus mit nunmehr sechs Mitarbeitern wird stets dort mit angepackt, wo es gerade am Dringendsten ist. Anders wäre es in all den Jahren auch nicht zu schaffen gewesen, selbst wenn ein Team freier Mitstreiter uns noch tatkräftig unterstützt.
Es ist der Spaß an der Arbeit, der uns zusammenhält, die Freude daran, engagierten Autoren mit ihren Texten zu gesellschaftlicher Wirkung zu verhelfen. Daß dies auch die Autoren spüren, wird unter anderem daran deutlich, daß sich bisher noch niemand hat abwerben lassen. Den Debüt-Bänden von Alexander Osang, Christoph Dieckmann, Frank Nordhausen, Liane v. Billerbeck, Peter J. Kraus oder Gerhard Kaiser sind stets mehrere andere Bücher gefolgt. Auch Jahre nach einem gemeinsam erarbeiteten Buch kommen noch Autoren bei uns vorbei, um einfach mal zu sehen, wie es "ihrem" Verlag inzwischen ergangen ist.

Auf dieser Basis läßt sich gut weiterarbeiten. Die nächsten zehn Jahre wollen wir nutzen, um das zeitgeschichtliche Sachbuchprogramm schrittweise zu verbreitern, über Deutschland hinauszuschauen und jenseits der großen Politik auch individuelle Lebensentwürfe vorzustellen. Genug Irrwege liegen hinter uns, um fortan behutsam ans Werk zu gehen und große Sprünge zu meiden. Ein allmähliches Wachstum hat sich als der sicherere Weg erwiesen, auch wenn es dabei mitunter etwas langsamer vorangeht. Aber schließlich stehen wir im Wort gegenüber unseren 50 Stillen Teilhabern, die mit ihren jeweils 5.000,- DM Einlage dem Verlag erst zum Leben verholfen haben und die dürfen wir natürlich nicht in den Sand setzen.
Wenn die Rahmenbedingungen vernünftig bleiben und wir nicht nach einem möglichen Fall der Preisbindung einen Großteil unserer Partnerbuchhandlungen verlieren, so sollte es in zehn Jahren wieder Anlaß zum Feiern geben.

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