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Was blieb vom Leseland DDR?



Die DDR nahm für sich gern in Anspruch, ein ausgesprochenes "Leseland" zu sein. Tatsächlich waren sowohl im Vergleich zur Bundesrepublik als auch zu den osteuropäischen Staaten die Zahlen für den Zeitaufwand des Lesens, für den Buchkauf und die Nutzung von Bibliotheken vergleichsweise hoch.1Angesichts der eingemauerten Verhältnisse war die Literatur für manchen eine Art Weltersatz, zumal unter Verantwortung des Kulturministeriums trotz Zensur mitunter auch Bücher erscheinen konnten, deren Themen in den Medien tabu waren und die dort auch nicht rezensiert werden durften. Hinzukam, dass in der DDR ein vielgliedriges Weiterbildungssystem bestand, wodurch populärwissenschaftliche und Fachliteratur stark gefragt waren.

Doch die Buchbranche war wie alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft durch die schnelle Wirtschafts- und Währungsunion sowie die Übernahme des bundesdeutschen Rechtssystems im Jahre 1990 einem radikalen Wandel ausgesetzt, der mancherorts zu nachhaltigen Verwerfungen führte. Den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland binnen weniger Monate hatte niemand eingeplant oder vorhergesehen, nicht einmal die CDU-geführte Koalitionsregierung der "Allianz für Deutschland", die bei ihrem Amtsantritt im April 1990 noch von einer Übergangszeit von zwei Jahren ausgegangen war. Viele DDR-Verlage hatten daher auf der Leipziger Frühjahrmesse im März 1990 noch Lizenzen bei bundesdeutschen Verlagen gekauft. Doch als die Bücher dann zur Frankfurter Buchmesse im Oktober 1990 erschienen, gab es das eigenständige Vertriebsgebiet schon nicht mehr, für das sie bestimmt waren.

Mit der Übernahme des kompletten Gesellschaftsmodells der Bundesrepublik und der Privatisierung der staats- und parteieigenen Betriebe durch die Treuhandanstalt binnen kürzester Frist änderten sich sowohl die Besitzverhältnisse bei Verlagen und Buchhandlungen als auch die Finanzierungssysteme für Bibliotheken, was letztlich nicht ohne Auswirkungen auf das Leseverhalten blieb.

Verlage

In der DDR gab es in den 1980er Jahren insgesamt 78 staatlich lizenzierte Buchverlage, die zu 90 Prozent dem Staat, den Parteien oder gesellschaftlichen Organisationen gehörten und deren Profil seit Mitte der 1960er Jahre klar voneinander abgegrenzt war.2 Diese Zahl war über 25 Jahre lang nahezu konstant geblieben, und alle Bestrebungen, sie nach oben hin zu verändern, scheiterten gewöhnlich. (In der Bundesrepublik gibt es gegenwärtig mehr als 2800 professionell arbeitende Verlage, insgesamt sind über 5000 mit einzelnen Büchern vertreten.) Neue private oder auch genossenschaftliche Unternehmungen wurden in der DDR nicht zugelassen, als offizielles Argument mussten stets mangelnde Papierkontingente und Druckkapazitäten herhalten. In Wirklichkeit ging es um die Aufrechterhaltung des Kontrollsystems mit der Pflicht zur Druckgenehmigung für jedes Manuskript und zur Bewahrung der vielen kleinen Monopolstellungen, die den offiziellen Verlagen einträgliche Gewinne bescherten. Nur ganz wenige Fach- und Schulbuchverlage wurden vom Staat subventioniert.) Daher war es nur logisch, dass es mit dem Ende der Zensur am 1. Dezember 1989 und der Abschaffung der Lizenzpflicht zum 1. Januar 1990 zu zahlreichen Verlagsneugründungen kam. Allerdings handelte es sich hierbei angesichts des kaum vorhandenen Kapitals zumeist um Kleinunternehmen.

Für die alten Großverlage der DDR begann ein schmerzvoller Umstellungsprozess, denn vom Charakter her handelte es sich bei vielen eher um ausgewachsene Literaturinstitute mit einem ungewöhnlich großen Apparat denn um effiziente Wirtschaftseinheiten. Der Aufbau-Verlag in Berlin und Weimar beispielsweise, das Flaggschiff der DDR-Verlage, hatte 1989 etwa 180 Mitarbeiter (für ca.350 Bücher im Jahr), davon allein 70 Lektoren. Kein Verlag der alten Bundesrepublik verfügte über eine derartige personelle Stärke im inhaltlichen und künstlerischen Bereich, hier lag das Schwergewicht eher bei Vertrieb, Werbung und Marketing, während dies im Osten kaum entwickelt war. Pro Mitarbeiter betrug die produzierte Titelzahl im Westen meist über fünf, im Osten oft unter zwei. Dies hing auch mit der schlechten technischen Ausstattung der DDR-Verlage zusammen, wo es kaum Kopierer und keinerlei Personalcomputer gab.

Ab dem 1. Juli 1990, dem Tag der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, stand der gesamte ostdeutsche Markt für Lieferungen aus dem Westen offen. Der staatliche Volksbuchhandel machte seine Regale für die neuen Titel frei, was bedeutete, dass die DDR-Verlage ihre Bücher massenhaft zurückgesandt bekamen. Die zentrale Auslieferungsfirma Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel (LKG) wurde der Mengen nicht mehr Herr und kippte tonnenweise Bücher in einen aufgelassenen Tagebau.3 (Sie wurden später von Pfarrer Martin Weskott und seiner Kirchengemeinde in Katlenburg bei Göttingen teilweise eingesammelt und auf Basaren für mildtätige Zwecke zu einem Spendenpreis angeboten.)

Gleichzeitig verfielen die Lizenzverträge mit bundesdeutschen Verlagen - allerdings nur in einer Richtung: Die mit Lizenzen aus dem Westen verlegten Bücher durften von den ostdeutschen Verlagen auf dem gesamtdeutschen Markt (nach einer kurzen Übergangsfrist) nicht mehr angeboten werden. Die in die Bundesrepublik vergebenen Lizenzen behielten dagegen in der nunmehr größeren Bundesrepublik ihre Gültigkeit, sodass gutverkäufliche Titel zumeist noch auf Jahre beim westlichen Lizenznehmer verblieben, denn der ostdeutsche Originalverlag hatte ja nur noch die DDR-Rechte - und diesen Staat gab es nicht mehr. Außerdem galten nun längere urheberrechtliche Schutzfristen (in der DDR waren es 50 Jahre nach dem Tod des Autors, in der Bundesrepublik 70 Jahre), womit weitere Titel aus dem Programm fielen.

Übernommen wurde zum 1. Juli 1990 auch das bundesdeutsche Vertragsrecht, was für die sehr langfristig arbeitenden DDR-Verlage zum Problem wurde, da sie gemäß der Perspektivplanforderung des Kulturministeriums Projekte auf fünf Jahre im Voraus vertraglich gebunden hatten. Viele dieser Vorhaben waren nun unter den veränderten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen nicht mehr zu halten und mussten gestrichen werden. Die Autoren, Illustratoren und Übersetzer hatten unter den neuen Rechtsverhältnissen aber einen Anspruch darauf, dass die einmal geschlossenen Verträge auch erfüllt und sie zumindest für eine Auflage komplett ausbezahlt wurden, was zu komplizierten und oft langwierigen Auseinandersetzungen führte. Hinzu kamen die Ansprüche der zumeist übergroßen Belegschaft, die Gehälter schrittweise an die Westtarife anzupassen, was von den bundesdeutschen Gewerkschaften unterstützt wurde, um im Osten des Landes keine Niedriglohnkonkurrenz entstehen zu lassen.

Letztlich entscheidend für das Schicksal der DDR-Verlage wurde die Verkaufspolitik der im März 1990 gegründeten Treuhandanstalt. Ursprünglicher Auftrag dieser Holding war es, die rund 12 500 volkseigenen Betriebe wettbewerblich zu strukturieren und zu privatisieren.4 Da eine Wirtschafts- oder Regionalförderung aber nach der Währungsunion nicht mehr zu den Aufgaben der Anstalt zählte und sie auch keine politische "Chefsache" war, wurde sie mit der staatlichen Vereinigung am 3. Oktober 1990 nicht dem Kanzleramt oder dem Bundeswirtschaftsministerium, sondern dem Bundesfinanzministerium unterstellt. Vom Prinzip Sanierung vor Verkauf stellte man nun auf Verkauf um; die Sanierung sollte Sache der neuen Eigentümer werden. Treuhand-Präsident Detlev-Karsten Rohwedder wollte dabei möglichst viel von der "kulturellen Substanz Ostdeutschlands" erhalten, wie es laut Einigungsvertrag (Artikel 35) auch vorgesehen war. Doch das änderte sich nach seiner bis heute nicht aufgeklärten Ermordung im Frühjahr 1991 und der Übernahme der Geschäfte durch Birgit Breuel im Juni 1991. Sie setzte nach den Vorgaben von Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) nun ganz auf schnelle Verkäufe. Die praktische Umsetzung dieser Politik im Bereich der staatlichen Verlage oblag dem Referat Printmedien im Direktorat Dienstleistungen bzw. der Abteilung Sondervermögen (für organisationseigene Betriebe). Zuständig für sämtliche Verlage war ein Bauingenieur. Nach heftigen Protesten aus der Branche kamen zeitweilig zwei Fachberater hinzu. Unter enormem Zeitdruck vollzogen sich binnen eines Jahres die meisten Verkäufe, wobei kaum Gelegenheit war, die mitunter recht komplizierte Rechtslage bei einzelnen Verlagen und die Seriosität der Käufer zu prüfen.

Dies führte unter anderem zu der Fehleinschätzung, der Aufbau-Verlag gehöre der SED/PDS und könne daher von der Treuhandanstalt verkauft werden. Erst nach 13 Jahren juristischer Auseinandersetzung ist im März 2008 vom Bundesgerichtshof endgültig geklärt worden, dass der Verlag nach wie vor dem Kulturbund gehörte, der weiterhin als Verein existiert. (Das war ein Grund für die Insolvenz der Verlagsgruppe, die nun unter neuer Eigentümerschaft fortgeführt wird.) In einem anderen Fall, dem Greifenverlag zu Rudolstadt, ging das Unternehmen gleich zwei Mal an Hasardeure. Erst erwarb den Verlag mit den Weltrechten von Paul Zech ein fränkischer Geschäftsmann, der gleich auch noch sieben Volksbuchhandlungen kaufte und mehrere Anzeigenblätter gründete, doch die Kaufsummen nicht überwies, sondern mit den liquiden Mitteln der Firmen verschwand. Aus dem Konkurs heraus kaufte den Verlag dann ein schweizerischer Verleger zusammen mit einem schwäbischen Buchhändler, die sich allenthalben als "Retter" feiern ließen. Doch nachdem für den Greifenverlag ein millionenschwerer Aufbaukredit von der Kreissparkasse bewilligt worden war, ging der Hauptgesellschafter mit einem Teil des Geldes zurück in die Schweiz und sorgte damit für das endgültige Aus in Rudolstadt.

Binnen weniger Monate wurden fast alle DDR-Verlage veräußert, oft für eine symbolische DM, wofür die Käufer im Gegenzug versprachen, mehr als 1150 Arbeitsplätze zu erhalten und mindestens 100 Millionen DM zu investieren, um so das Fortbestehen der von ihnen übernommenen Verlage zu sichern.5 Doch die Einhaltung dieser Zusagen ist kaum je geprüft worden; Ende 1994 stellte die Treuhandanstalt ihre Tätigkeit ein.

Die Hauptform der Privatisierung war der Verkauf an westliche Unternehmen. Dies betraf 50 der 78 Verlage, was einen Anteil von 64 Prozent bedeutet. Zwölf Verlage wurden an westliche Partnerfirmen (Doppelgründungen nach 1945, die als Parallelverlage existierten) rückübertragen, was einem Anteil von 15 Prozent entspricht. Sechs Verlage (sieben Prozent) wurden von staatlichen Institutionen, kirchlichen Gremien oder Parteien übernommen, jeweils fünf Verlage (6,5 Prozent) gingen über Management-Buy-Outs an die leitenden Angestellten bzw. Mitarbeitergruppen oder wurden wegen Unverkäuflichkeit liquidiert.

Bei den Verkäufen ist auffällig, dass sie selten genutzt wurden, um das Programmprofil des übernehmenden westdeutschen Stammhauses zu erweitern, sondern dass stattdessen zumeist das gekauft wurde, was im eigenen Verlag schon vorhanden war. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass nach relativ kurzer Zeit die umsatzträchtigen Rechte und Autoren ins westliche Haupthaus geholt wurden und man auf die Dependance im Osten verzichtete. Lediglich acht Verlage der ehemals 39 branchenintern verkauften Editionshäuser sind 2007 noch ohne zwischenzeitliche Insolvenz als produzierende Einheiten in Ostdeutschland kontinuierlich tätig. Sie bringen etwa 18 Prozent der Titel auf den Markt, die noch von früheren DDR-Verlagen produziert werden. (Etwa sechs Prozent der Titel erscheinen zusätzlich vom Westen aus unter dem Namen alter DDR-Verlage.)

Etwas anders sieht es bei den elf Unternehmen aus, die an branchenfremde Investoren (wie Immobilienhändler, Industrielle und Rechtsanwälte) verkauft worden sind. Die beiden größeren Gruppen von Bernd F. Lunkewitz (Aufbau, Rütten & Loening, Gustav Kiepenheuer Verlag, Diederich'sche Verlagsanstalt) sowie Silvius Dornier (Edition Leipzig, Henschel, Militärverlag, Seemann, Urania) haben sich zunächst gut am Markt behauptet und stellten 2006 mit rund 23 Prozent aller Titel ein wichtiges Umsatzvolumen der verbliebenen ostdeutschen Altverlage dar. Den Einzelübernahmen dagegen (Altberliner, Greifenverlag und Verlag für Lehrmittel) war deutlich weniger Erfolg beschieden, da entweder zu wenig Kapital vorhanden war oder die notwendige Erfahrung fehlte.

Bei der zweiten Gruppe, den zwölf rückübertragenen Verlagen (Bibliographisches Institut, Breitkopf & Härtel, Edition Peters, Gustav Fischer Verlag, Hermann Haack, Hirzel, Hofmeister, Insel, Paul List, Reclam, Teubner, Thieme) sind diese mehrheitlich in die westlichen Mutterhäuser integriert worden, auch wenn einzelne Unternehmen aufgrund der wieder erlangten Immobilien noch Büros am alten Standort unterhalten. (Lediglich der Friedrich Hofmeister Musikverlag hat seinen kompletten Sitz nach Leipzig zurückverlegt.)

Jene sechs Verlage, die von staatlichen Institutionen, kirchlichen Gremien oder Parteien übernommen wurden, also nicht sofortigen Verwertungsinteressen unterworfen waren, haben sich dagegen deutlich besser behauptet. Nur die Evangelische Hauptbibelgesellschaft ist geschlossen worden, wohingegen die Zentralbücherei für Blinde, der Domowina-Verlag, die Evangelische Verlagsanstalt und der katholische St. Benno-Verlag heute stabile Unternehmen sind. Selbst der Karl Dietz Verlag, der nach langem Tauziehen mit der Unabhängigen Kommission zur Überprüfung des Vermögens der Parteien und Massenorganisationen der DDR an die PDS bzw. eine ihr nahe stehende Stiftung gegangen ist, hat bis heute überlebt. Die noch fünf aktiven Verlage dieser Gruppe produzierten 2006 etwa 43 Prozent aller Titel der noch aktiven ostdeutschen Altverlage, also mehr als die 50 privatwirtschaftlich verkauften Unternehmen zusammen!

Nicht bewährt haben sich dagegen die fünf Management-Buy-Out-Privatisierungen. Sowohl Kapitalschwäche als auch interne Probleme beim Krisenmanagement in den unvermeidlichen Schrumpfungsphasen haben dazu geführt, dass alle fünf Verlage über kurz oder lang in die Insolvenz geraten sind. Das betrifft sowohl die offiziell von der Treuhand vollzogenen MBO-Verkäufe Kiepenheuer Verlag und Mitteldeutscher Verlag als auch die drei mit PDS-Hilfe initiierten MBOs bei Eulenspiegel, Das Neue Berlin und Neues Leben. All diesen Verlagen aber ist eigen, dass sie nach der Insolvenz und der damit verbundenen Entschuldung aus der Konkursmasse heraus von verschiedenen Eigentümern übernommen und wiederbelebt wurden, sodass sie heute alle noch am Markt aktiv sind und etwa zehn Prozent der Titel aller ostdeutschen Altverlage produzieren.

In vergleichsweise geringer Zahl sind von der Treuhandanstalt Firmen der Verlagsbranche abgewickelt und liquidiert worden. Es betraf fünf Verlage, die sich entweder inhaltlich überlebt hatten (wie der Verlag für Agitations- und Anschauungsmittel der SED) oder die aufgrund ihrer geringen Größe für Übernahmen nicht interessant waren. Während in ganz Ostdeutschland 29 Prozent der Betriebe (exakt 3561 von 12 353) von der Treuhandanstalt abgewickelt wurden,6 nehmen sich die 6,5 Prozent der geschlossenen Verlage eher gering aus, sodass ein oft erhobener Vorwurf an die Treuhandanstalt in diesem Punkt ungerechtfertigt ist.

Die Anstalt bevorzugte bei allen fünf Verkaufsgruppen erkennbar westdeutsche Interessenten. In einem Dutzend von Fällen, da Verlage aus Schweden, Dänemark, Frankreich und Großbritannien auf den deutschen Markt gelangen wollten und entsprechende Angebote unterbreitet hatten, wurden deutsche Konkurrenten vorgezogen. (Lediglich der Verlag der Kunst ging zeitweilig an einen kanadischen Verleger.) Damit liegt die Verlagsbranche mit 1,3 Prozent ausländischer Käufer deutlich unterhalb des sonstigen Privatisierungsgeschehens, denn die Treuhandanstalt hat insgesamt 14 Prozent der Unternehmen an nichtdeutsche Bieter verkauft.7

Insgesamt existieren von den ehemals 78 staatlich lizenzierten Verlagen der DDR heute in eigenständiger Form ohne zwischenzeitliche Insolvenz gerade noch acht. Selbst mit den neu gegründeten Verlagen zusammen werden in den ostdeutschen Bundesländern gegenwärtig lediglich noch 2,1 Prozent der gesamten deutschen Buchproduktion erzeugt. (Rechnet man Gesamtberlin dazu, sind es 12,7 Prozent der Titel bundesweit.) Nach Wirtschaftskraft betrachtet, sind die ostdeutschen Verlage fast vollständig zu vernachlässigen. Am Gesamtumsatz der deutschen Buchbranche von 11,4 Mrd. € waren Firmen aus den neuen Bundesländern (ohne Berlin) 2006 nur mit 0,9 Prozent beteiligt (Berlin mit 9,5 Prozent).8

Die Zahl der in dieser Branche in Ostdeutschland Beschäftigen ist von ehemals 6100 auf weniger als 600 gesunken, also auf unter zehn Prozent. Damit hat insgesamt ein Umbruch stattgefunden, der noch gravierender ist als in anderen Wirtschaftsbereichen Ostdeutschlands, wo nach Treuhandangaben immerhin rund 20 Prozent der Betriebe erhalten geblieben sind und etwa 25 Prozent der Arbeitsplätze gerettet werden konnten.9

Buchhandel

Anders gestaltet sich das Bild im Buchhandel. Nach einer zunächst völlig verfehlten Konzeption der Treuhandanstalt, die ostdeutschen Interessenten kaum eine Chance zur Übernahme der ausgeschriebenen staatlichen Buchhandlungen bot, da Sicherheiten gefordert wurden, die kein normaler DDR-Bürger vorweisen konnte (Eigentumswohnungen, Aktiendepots), sind nach heftiger Intervention des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im Frühjahr 1991 die Richtlinien geändert worden, sodass am Ende tatsächlich knapp zwei Drittel der Geschäfte in die Hände engagierter, oft junger Buchhändler aus dem ehemaligen Gebiet der DDR gelangt sind. Das andere Drittel ist von größeren Unternehmen aus Westdeutschland übernommen worden. Lediglich in der Übergangszeit 1990 entstanden zwei Monopollösungen im Raum Dresden und in Berlin, die zwischenzeitlich aber weiterverkauft wurden oder wieder zerfallen sind. Der einzige Zwischenbuchhandelsbetrieb, die LKG-Auslieferung in Leipzig, ist im Rahmen eines MBO-Verfahrens zunächst von der Geschäftsführung übernommen und bis 2008 eigenständig weitergeführt worden. Inzwischen hat es ein Konkurrent aus Stuttgart übernommen. Insgesamt konnte ein flächenhaftes Sterben von Buchhandlungen, wie es aus anderen osteuropäischen Ländern bekannt ist, vermieden werden.

In den Folgejahren hat sich eine Entwicklung ergeben, wie sie auch in anderen deutschen Städten zu beobachten ist: Die starken Handelsketten drängen mit ihren großen Filialen in die Innenstädte und richten zum Teil riesige Verkaufsflächen in den neu entstehenden Einkaufszentren ein, womit sie einen wichtigen Teil der (ohnehin sinkenden) Kaufkraft absorbieren und kleinere Einzelhandelsgeschäfte in der Umgebung dadurch zum Aufgeben zwingen. Überlebenschancen bieten sich in den Nischen durch kleinere Spezialbuchhandlungen, die in den vergangenen Jahren zugenommen haben. Die Anzahl der Buchhandlungen in den östlichen Bundesländern stieg bis zum Jahr 2000 auf mehr als 1100 an, gegenüber rund 900 zu DDR-Zeiten.10 Allein in Leipzig hat sich die Buchhandelsfläche in den vergangenen 20 Jahren verzehnfacht.11 Für den Warenstrom aus dem Westen gab es reichliche Vertriebskanäle im Osten.

Anfangs existierte auch ein überdurchschnittlich starkes Buchkaufverhalten der Ostdeutschen, denn es war viel nachzuholen. 1993 erwarben 75 Prozent der Ostdeutschen mindestens ein Buch, während es in Westdeutschland nur 55 Prozent waren. Mit dem wirtschaftlichen Rückgang in der Region, der Abwanderung und der entsprechend sinkenden Kaufkraft änderte sich das: 1995 waren es nur noch 59 Prozent der Ostdeutschen und weniger als 50 Prozent der Westdeutschen, die mindestens ein Buch pro Jahr kauften. 66 Prozent der Ostdeutschen gaben aber an, mindestens einmal in einer Buchhandlung gewesen zu sein, wo sie beim Kauf billige Taschenbücher bevorzugten.12 In Deutschland werden 27 Prozent der Bevölkerung zu den "Viellesern" gerechnet - mehr als 18 Bücher im Jahr -, aber nur zehn Prozent sind auch Vielkäufer (mehr als 15 Bücher im Jahr).13

Das Hauptinteresse liegt im Osten bei Belletristik, Sachbuch, Reise, Hobby und Freizeit sowie Wissenschaften, im Westen dagegen vor allem bei Kinder- und Jugendbüchern, gefolgt von Belletristik (hier vor allem angelsächsische) und Sachbuch; weit abgeschlagen das wissenschaftliche Fachbuch. Während 51 Prozent der Ostdeutschen von Büchern "lernen und profitieren" wollen, haben nur noch 36 Prozent der Westdeutschen diesen Anspruch.

Auch bei der Belletristik sind die Erwartungen unterschiedlich. Während Ostdeutsche Literatur häufig als Lebenshilfe verstehen und einen unmittelbaren Bezug zu ihren eigenen Erfahrungen suchen, zählen im Westen vor allem das Erschließen neuer Welten und der Unterhaltungswert.

Bibliotheken

Im Bibliotheksbereich verfügte die DDR über ein außergewöhnlich dichtes Netz, das jeder Bürgerin und jedem Bürger einen relativ problemlosen Zugang zu Büchern in seiner unmittelbaren Umgebung ermöglichte. Während die großen Zentralbibliotheken und die Wissenschaftlichen Allgemeinbibliotheken der Bezirke als Bestandszentren im Wesentlichen erhalten geblieben sind, wurden 25 Prozent der kleineren Bibliotheken geschlossen. Dies betraf vor allem Zweigbibliotheken in den Wohngebieten, Schul- und Betriebsbibliotheken sowie Gemeindebibliotheken. Bis 1993 erfolgte ein Personalabbau auf 65 Prozent des DDR-Bestandes.14

Gleichzeitig wurde mit finanzieller Unterstützung aus Bonn Anfang der 1990er Jahre eine erste Bestandserneuerung eingeleitet, was anschließend von den zuständigen Kommunen aus eigener Kraft fortgeführt werden sollte. Dazu fehlten aber die finanziellen Voraussetzungen, da die Kommunen nach dem Verlust eines Großteils der Betriebe mit sinkenden Steuereinnahmen, wachsender Arbeitslosigkeit und starker Abwanderung zu kämpfen hatten. Angesichts der vielfältigen kommunalen Pflichtaufgaben wurde daher alsbald an den freiwilligen Aufgaben (wozu auch die Bibliotheken gehören) gespart - und dies, obwohl im Osten das Interesse an kostenloser Bibliotheksnutzung ständig steigt und die Ausleihzahlen pro Kopf der Bevölkerung weit über denen in Westdeutschland liegen.

Nach einer Repräsentativumfrage der Stiftung Lesen gaben 1995 38 Prozent der Westdeutschen an, "noch nie" in einer Bibliothek gewesen zu sein, während dies nur für 16 Prozent der Ostdeutschen zutrifft. Dort benutzen 46 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Jahr eine Bibliothek, während dies im Westen nur ein Drittel tut.15 Die Zahl der Ausleihen ist im Osten seit 1990 um rund 60 Prozent angestiegen. Dort aber fehlen oft aktuelle Neuerscheinungen, oder gibt es lange Wartelisten dafür. Viele Bibliotheken versuchen sich inzwischen damit zu helfen, dass sie die Einrichtungen ehrenamtlich betreiben und Verlage anschreiben, um Buchspenden zu erbitten.

Leseverhalten

Das Leseverhalten in Ost und West war in den ersten zehn Jahren nach der deutschen Vereinigung noch recht verschieden, gleicht sich inzwischen aber immer mehr an. Während 1992 noch 68 Prozent der Ostdeutschen mindestens einmal pro Woche zum Buch griffen und es im Westen nur 46 Prozent waren, zeigte sich auch im Jahr 2000 noch ein deutlicher Unterschied: 51 zu 38 Prozent. 2008 sind die Werte dagegen auf das gleiche Niveau abgefallen: Nur noch 42 Prozent der Ostdeutschen lesen wöchentlich in Büchern, 43 Prozent sind es im Westen.16 Neben Kaufkraftverlust und Bibliotheksabbau ist hierfür im Osten wohl vor allem der Wegzug der jüngeren und besser gebildeten Menschen der entscheidende Grund. Während 25 Prozent aller Westdeutschen 1993 angaben, "nie" ein Buch in die Hand zu nehmen, waren dies in Ostdeutschland nur acht Prozent. Im Jahr 2008 gibt die Stiftung Lesen für Gesamtdeutschland einen Wert von 25 Prozent Nie-Lesern an, der nicht mehr nach Regionen differenziert wird.

Unter den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen stand das Buchlesen in Ostdeutschland in den 1990er Jahren auf Platz 7, in Westdeutschland auf Platz 11. Seitdem es keine getrennten Erhebungen mehr gibt, rangierte das Bücherlesen gesamtdeutsch ab 1999 mehrere Jahre auf Platz 9 der bevorzugten Freizeitbeschäftigungen, 2007 hat es aber gemäß der Verbraucheranalyse von Bauer Media wieder Platz 7 erreicht (nach Musik hören, Fernsehen, Zeitung lesen, Essen gehen, Feiern und Auto fahren). Folgt man dieser Studie, so liegt die Buchlektüre noch drei Plätze vor der Computernutzung.17 Die Stiftung Lesen sieht dagegen das Bücherlesen auf Platz 8 der Freizeitaktivitäten, bereits überholt vom Internetsurfen.

Bei den bevorzugten Autoren gab es noch lange Zeit deutliche Unterschiede zwischen Ost und West. Obwohl der Unterhaltungsschriftsteller Heinz Konsalik zeitweilig auch im Osten die Beliebtheitsskala anführte (so eine "Wochenpost"-Umfrage von 1995), dominierten hier doch die vertrauten Schriftsteller (Erwin Strittmatter, Stefan Heym, Christa Wolf, Christoph Hein) sowie Autoren der Weltliteratur (Thomas Mann, Ernest Hemingway und Leo Tolstoi). Als einziger Westdeutscher rangierte Mitte der 1990er Jahre Günter Grass unter den ersten Zehn, als einziger Amerikaner Stephen King.

Ähnliches ließ sich auch von den Bestsellerlisten Ost ablesen. Sie entstanden, da bis 1993 keine einzige ostdeutsche Buchhandlung in die Erhebungen der Zeitschriften "Spiegel", "Gong" und "Buchreport" einbezogen wurde. Daher fehlten dort Publikumserfolge wie beispielsweise Strittmatters Buch "Der Laden", das mit über 70 000 verkauften Exemplaren manch anderen Titel gewiss verdrängt hätte. Zunächst von der "Wochenpost" initiiert, wird die Liste inzwischen von der Tageszeitung "Neues Deutschland" geführt. Im ersten Halbjahr 2005 beispielsweise lag die Übereinstimmung zur "Spiegel"-Liste bereits bei über 70 Prozent, im Januar 2009 sind es sogar schon 90 Prozent, wobei die Belletristiktitel nahezu identisch sind und sich nur in der Reihenfolge unterscheiden, wohingegen im Sachbuch spezifische Ostthemen einzeln hervorstechen.

Bilanz

In den vergangenen 20 Jahren hat sich das einstige "Leseland" grundlegend verändert. In dem Gebiet, in dem heute etwa 20 Prozent der deutschen Bevölkerung leben, haben auf der Produktionsseite ein deutlicher Abbau von Kapazitäten und eine Verlagerung nach Westen stattgefunden. Lediglich 4,5 Prozent aller Verlage Deutschlands sind noch in den östlichen Bundesländern beheimatet; deren Titelausstoß umfasst 2,1 Prozent der deutschen Buchproduktion, was einen Umsatzanteil an der Gesamtbranche von unter einem Prozent bedeutet. Berlin als Bundeshauptstadt zieht dagegen Verlage inzwischen an, sodass München als langjährige deutsche Buchhauptstadt vom ersten Platz verdrängt worden ist.

Die Absatzwege sind im Unterschied zum herstellenden Bereich deutlich gestärkt worden. Im Jahr 2006 registrierte der Börsenverein 647 ostdeutsche Buchhandlungen, was 12,8 Prozent aller Buchhandelsfirmen entspricht. Ihr Umsatzanteil an der Gesamtbranche beläuft sich auf 7,7 Prozent.18 Die daran erkennbare geringe Kaufkraft im Osten Deutschlands wird von den Lesern durch eine verstärkte Bibliotheksnutzung ausgeglichen, sodass in der Häufigkeit der Buchlektüre wie auch bei den bevorzugten Titeln kaum mehr Unterschiede zum Westen der Republik festzustellen sind.

1 Vgl. hierzu die Beiträge der internationalen wissenschaftlichen Lese-Konferenz des Instituts für Verlagswesen und Buchhandel der Universität Leipzig vom 6. bis 8. Juni 1989: "Leser und Lesen in Gegenwart und Zukunft", Leipzig 1990.
2 Diese und die folgenden Verlagszahlen sind entnommen aus: Christoph Links, Das Schicksal der DDR-Verlage. Die Privatisierung und ihre Konsequenzen, Berlin 2009.
3 Vgl. Martin Weskott (Hrsg.), Die vergessenen Bücher. Was mit der Buchproduktion der DDR nach 1990 geschah, Katlenburg 1995.
4 Vgl. Martin Weskott (Hrsg.), Die vergessenen Bücher. Was mit der Buchproduktion der DDR nach 1990 geschah, Katlenburg 1995.
5 Vgl. Börsenblatt des Deutschen Buchhandels Nr. 92 vom 19. 11. 1991, S. 4061.
6 Vgl. Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben, Abschlussstatistik der Treuhandanstalt per 31. 12. 1994, Berlin 1995, S. 9.
7 Vgl. Jörg Roesler, Die Treuhandpolitik. Verkauf und Abwicklung statt Sanierung und Umwandlung, in: Hannes Bahrmann/Christoph Links (Hrsg.), Am Ziel vorbei. Die deutsche Einheit - Eine Zwischenbilanz, Berlin 2005, S. 102.
8 Vgl. Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Hrsg.), Buch und Buchhandel in Zahlen, Frankfurt/ M. 2008, S. 34 f., S. 61, S. 122.
9 Vgl. Ch. Links (Anm. 2), S. 342.
10 Vgl. Nils Kahlefendt, Abschied vom "Leseland"? Die ostdeutsche Buchhandels- und Verlagslandschaft zwischen Ab- und Aufbruch, in: APuZ, (2000) 13, S. 31.
11 Vgl. Thomas Mayer, Die Tradition stirbt. Jüngst schloss die Mehring-Buchhandlung, bald macht der Insel Verlag dicht, in: Leipziger Volkszeitung vom 28. 1. 2009, S. 17.
12 Vgl. Stiftung Lesen, Jahrbuch Lesen 1995. Fakten und Trends. Mainz 1995, S. 51 f.
13 Vgl. Börsenverein (Anm. 8), S. 19.
14 Vgl. Stiftung Lesen/Deutscher Kulturrat (Hrsg.), Kultur im Übergang, Mainz 1993, S. 18-20.
15 Vgl. Stiftung Lesen (Anm. 12), S. 19.
16 Vgl. Stiftung Lesen, Lesen in Deutschland 2008, Mainz 2008, S. 25.
17 Vgl. Börsenverein (Anm. 8), S. 18.
18 Vgl. ebd., S. 26, S. 38.

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